Erste-Vorstand Cernko: “Hatte rot lackierte Fingernägel”

Willibald Cernko war Bank Austria-Chef. Und machte dann das Unglaubliche: Er ging zur Konkurrenz, der Erste Bank. Im Interview spricht er über seine Herkunft aus einer Arbeiterfamilie, seine Revoluzzer-Jugend und das Vertrauen in sich selbst.

Diewald: Herr Cernko, jetzt mal ehrlich: Wie haben Sie’s geschafft? Mit Ellbogen, Intrigen, oder Fleiß?

Cernko: Ich bin immer die extra Meile gelaufen. Ich hab mein Studium abgebrochen. Ich wusste: Wenn ich mich durchsetzen will, muss ich besser sein. Das habe ich ernst genommen.

Diewald: Und wie haben Sie Ihren ersten Job bekommen?

Cernko: Ich habe in Salzburg drei Banken abgeklappert. Ohne Erfolg. Dann bin ich zur vierten. Die Creditanstalt – hat mir damals nichts gesagt. Es war ein Ausweichlokal in der Schrannengasse. Ich wollte zwei Sachen: Man muss mich so nehmen, wie ich bin. Ich hatte keinen Anzug, sondern abgerissene Jeans und einen abgewetzen Parka an. Und ich arbeite dort, wo ich sofort zum Chef vorgelassen werde.

Diewald: Was geschah dann?

Cernko: Ich geh rein, sag’ zur Frau Doktor Ultschnig “Grüß Gott, ich bin der Willi Cernko, ich hätte gern den Herrn Direktor gesprochen.” Eine Minute später war ich dann beim Direktor Berger.

Diewald: Wie haben Sie sich vorgestellt?

Cernko: Ich hab dem Direktor erzählt, wie ich mir mein Leben vorstelle und was ich gerne machen würde. Direktor Berger hat gesagt: “Des gfoit ma, des unterstütz i’“.

Diewald: Gehen wir dorthin, wo für Willibald Cernko alles begann. In das katholische Knabenseminar in Graz. Sie waren in einer Band, die – für die damalige Zeit – “Punk” gespielt hat.

Cernko: Ich war die Gitarre. Wir haben uns mit Beatles Songs herum geschlagen. Unser erster Song war “Obladi Oblada.” Aber das hat mit Musik nichts zu tun gehabt. Das war eher strukturierter Lärm. Sonst wäre ich auch kein Banker geworden.

Diewald: Darum gehts doch bei Punk, der Do-it-yourself-Ethos, das Machen um des Machens willen.

Cernko: Das würde ich so nicht sehen. Wenn man sich dann später mit der Szene beschäftigt, Sex Pistols usw., das hat nichts mit Lärm zu tun. Das ist schon laut, aber auch gute Musik.

Diewald: Wie waren Sie als Schüler?

Cernko: Schlimm und faktisch auch schlecht. Meine Interessen waren andere. Es war 1956, Pubertät, Hippie-Zeit im katholischen Knabenseminar. Ich habe Jeans getragen, lange haare und die kleinen Fingernägel rot lackiert. Wir waren einfach verrückt.

Diewald: Wie betrachten Sie diese Zeit als Revoluzzer heute?

Cernko: Natürlich, ich habe meine Matura nicht geordnet gemacht, schon früh eine Familie gegründet und mich entscheiden müssen: studiere ich fertig? Aber wichtig ist nur das Aufstehen, wenn du umfällst, – da lernst was. Aber aufsteh’n musst du halt!

Diewald: Sie waren dann auch fünf Jahre beim Militär, unter anderem auf den Golanhöhen. Was lernt man da?

Cernko: Ich war ein “Simple Soldier.” Ich lernte, in großen Organisationen zu arbeiten, zu leben und diese auch zu bewegen.

Diewald: Sie kommen aus einer Arbeiterfamilie. Heute wohnen Sie im bürgerlichen achten Bezirk Wiens, der Josefstadt. Gibt es dort überhaupt einen Ort, der Sie an ihre Herkunft erinnert?

Cernko: Den Fleischhauer, den mag ich. Das ist Joseph Radatz, der leitet die Filiale. Ich koche und esse gern.

Diewald: Gab es je einen Moment, bei der Bank Austria oder jetzt bei der Erste Bank, wo Sie gemerkt haben, dass man als Arbeiterkind vielleicht doch nicht so dazugehört?

Cernko: Nein. Ich habe stets das Glück gehabt, dass sich der Bessere durchsetzen konnte. Ich wurde nie an etwas gehindert. Ich glaube, das “Sich-nicht-zugehörig-Fühlen” ist überzeichnet. Wir haben alle gute Voraussetzungen, jeder kann seine Chance ergreifen. Mag schon sein, dass man mal schneller laufen, oder deutlicher aufzeigen muss. Aber die Geburt allein macht schon lange nicht mehr aus.

Diewald: Als Sie bei der Bank Austria draußen waren, was hat sich verändert?

Cernko: Wenn Sie aus ihrer Position ausscheiden, sind Sie sehr bald nicht mehr auf den Einladungslisten der Stadt. Aber das ist überall so, nicht nur in Wien. Vielleicht ist es bei uns nur ein bisschen klebriger. Außerdem hat es etwas Gutes: man hat mehr Zeit für sich selbst und die Familie.

Diewald: Der Gründer des Online-Bezahlservices Peter Thiel fördert Studenten mit einem Haufen Geld, unter der Voraussetzung, dass sie ihr Studium abbrechen. Wird es auch ein Willibald-Cernko-Brich-dein-Studium-ab-Stipendium geben?

Cernko: Ich unterstütze gute Projekte sehrwohl. Aber für so ein Stipendium ist meine Geldbörse wohl zu klein. Ich muss ehrlich sagen, meine Kinder haben alle Umwege genommen. Niemand ist auf geradem Wege zu seinem Abschluss gekommen. Das war mir auch wurscht. Ich wusste, das ist eine gute Investition. Ist doch nichts dabei, wenn man ein paar Semester etwas studiert und dann sagt: „Scheiße, das ist überhaupt nichts für mich.“

Diewald: Sie sind Mitglied des Vereins “Freunde des Theaters in der Josefstadt”. Wäre es schön, wenn die Finanzmärkte auch so stabil und konservativ wie das Theater in der Josefstadt wären?

Cernko: Das hat was.

Diewald: Über Sie wird gesagt, dass Sie sehr zielstrebig sind, aber nicht verbissen.

Cernko: Es macht keinen Sinn, auf ein und dasselbe Hindernis zwei, drei, viermal loszulaufen. Es ist vernünftiger, dass man zurückgeht, versucht, einen neuen Blickwinkel einzunehmen und einen anderen Weg nimmt.

Diewald: Dazu werden wir nicht erzogen.

Cernko: Ich lebe nach dem Motto “Es kann noch viel passieren, bis wir dort sind.” Ja, ich sehe die kommende Herausforderung, das ist echt eine harte Nummer. Aber ich weiß, ich kann’s. Und wenn die Herausforderung dann da ist, dann schaff‘ ich das auch.

Diewald: Wieso sind Sie von sich selbst so überzeugt?

Cernko: Weil ich oft gescheitert bin. Da habe ich gelernt, wenn Sie nie Fehler machen dürfen, dann werden Sie auch nicht viel lernen.

Diewald: Haben Sie schon mal eine Email nur in Großbuchstaben geschrieben?

Cernko: Nein.

Diewald: Sie haben Pferde gezüchtet und sind in Ihrer Freizeit gern auf der Pferderennbahn. Wie der Schriftsteller Bukowski früher. Er sagte sinngemäß: “Alles, was ich glaube und alles, was ich weiß, ist: der Klang von Musik und das Galoppieren eines Pferds. Alles andere ist Bullshit.”

Cernko: Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Diewald: Sie sind hier beim Medien.Mittelpunkt.Ausseerland, um über Investitionen zu reden und was sie verändern können. Was war Ihre schlechteste Investition als Privatperson?

Cerko: Ein altes Haus zu erwerben und umzubauen.

Diewald: Und Ihre beste?

Cernko: Meine Kinder.

Willibald Cernko war bis März 2016 Boss der Bank Austria. Am Ende des Jahres wurde er Mitglied des Vorstandes der Erste Bank und zur Nummer zwei nach Erste-Boss Treichl. Cernko holte seine Matura in der Abendschule nach und brach sein WU-Studium für seinen ersten Job in der Creditanstalt ab. Cernko ist in zweiter Ehe mit der Pianistin Jasminka Stancul verheiratet. Er hat vier Kinder, sein Hobby ist die Pferdezucht.


Foto: Carina Pichler
Interview: Felix Diewald

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