Flüchtlingskrise: Als Europa Domino spielte

Für hunderttausende Flüchtlinge war die Balkanroute der Weg in eine hoffnungsvollere Zukunft, für Sebastian Kurz war sie der Weg ins Kanzleramt. Das Buch „Flucht – Wie der Staat die Kontrolle verlor“ beleuchtet die politischen Hintergründe der Flüchtlingskrise.

von Alina Neumann

Das Buch beginnt mit dem Ende der Geschichte, mit dem „Nervenflattern“ der Staatskanzleien entlang der Balkanroute. Der Grund dafür ist der 29. Februar 2016. Migranten versuchen, den mazedonischen Grenzzaun zu überwinden, Polizisten drängen sie mit Tränengas zurück. Der Außenminister des Westbalkanstaates glaubt, dem Andrang nicht mehr lange Stand halten zu können. Die Berater fragen sich, was passieren würde, wenn ein Kind im Stacheldrahtzaun hängenbliebe.

Wie sich Europa in diese Situation hineinmanövrierte, beschreiben Christian Ultsch, Thomas Prior und Rainer Nowak von der „Presse“ in ihrem Buch „Flucht – Wie der Staat die Kontrolle verlor“, das sich wie ein politischer Krimi liest. Er handelt vom Versagen der staatlichen Institutionen, von der Balkanroute, dem Türkei-Deal und der Hoffnung auf eine gesamteuropäische Lösung, um den Flüchtlingsstrom, der durch Europa fließt, einzudämmen. „Die Flüchtlingskrise war einer der seltenen Momente, wo es wirklich international relevant war, welche Entscheidung die österreichische Bundesregierung trifft“, sagt Mitautor und „Presse“-Außenpolitikchef Christian Ultsch.

Die Autoren blicken hinter die Tapetentüren der Regierungen in Wien, Berlin, Budapest, Ljubljana, Brüssel und Skopje. Sie rekonstruieren ziemlich minutiös die politischen und diplomatischen Vorgänge zwischen Sommer 2015 und März 2016, von der „Politik des Durchwinkens“ bis zur Schließung der Balkanroute. Das Buch orientiert sich an der Frage, wie es den europäischen Ländern gelingen kann, den Flüchtlingszustrom zu verringern. Europa hatte die Souveränität über seine Grenzen verloren, die des Landes und die der Zumutbarkeit.

Um den Zustrom zu bewältigen, waren viele einzelne Schritte nötig. Oft muss man zuerst das Endergebnis kennen, um dann an den Anfang zurückzugehen und die Geschichte von vorne zu erzählen. Das führt dazu, dass der Text nicht immer chronologisch verläuft und dem Leser Konzentration abverlangt. Trotz der trockenen, oft zahlenlastigen Materie, entsteht ein lebhaftes Bild, die Spannung bleibt aufrecht. „Wir haben eine gemeinsame Sprache gewählt, um das Buch möglichst atemlos zu schreiben“, erklärt Ultsch. Die drei Autoren lassen den Leser teilhaben an nächtlichen Telefonaten zwischen Spitzenpolitikern oder nehmen ihn mit an den glatt polierten Holztisch, an dem der österreichische Krisenstab tagt.

Dabei geht es nicht um die Schicksale der einzelnen Menschen, die in diesen Monaten durch Europa ziehen, sondern um die Entscheidungsträger. Werner Faymann, zuerst im Gleichschritt mit Angela Merkel, schwenkt um und gewinnt dadurch an Profil. Letztendlich kostet ihn die restriktivere Linie den Kanzlersessel. Sein Nachfolger Christian Kern muss kurz darauf auch Platz machen. Die Flüchtlingskrise, die Kern von den ÖBB ins Kanzleramt geführt hat, wird im Wahlkampf sein Hindernis. Für Sebastian Kurz hingegen, als politisches Gegenüber von Angela Merkel, bringt die Migrationsthematik den Aufstieg zur Regierungsspitze. Schon als Christian Ultsch den jetzigen Kanzler im August 2015 an die mazedonische Grenze begleitete, sei Kurz bereits „auf diesem Dampfer“ gewesen, so die Einschätzung des „Presse“-Journalisten. „Die Flüchtlingskrise war der Treiber der aktuellen politischen Entwicklungen“, sagt Christian Ultsch.

Wer die Balkanroute letztendlich geschlossen hat – das lässt sich nicht so genau nachvollziehen. Sicher ist, dass der erste Stein in Schweden gefallen ist. Nachdem der skandinavische Staat seinen Grenzbalken herunterließ, setzte ein Dominoeffekt ein, der erst an der mazedonischen Grenze zu Ende war und bis heute die Veränderungen in der politischen Landschaft bestimmt.

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