Galerie

Harald Mahrer: „Wir brauchen einen starken Journalismus und starke Medien“

Dr. Harald Mahrer hat am 18. Mai das Präsidentenamt der österreichischen Wirtschaftskammer angetreten: Der ideale Zeitpunkt für einige Fragen zur Zukunft der WKO, 12-Stunden-Tage sowie zum Phänomen „Publizisten in der Politik“.

WKO Präsident Harald Mahrer @Medienakademie 2018-7

Kathrin Schneider: Im Mai wurde das Präsidentenamt der Österreichischen Wirtschaftskammer an Sie übergeben. Sie haben einen neuen Stil angekündigt, wollen von alten, ideologischen Gräben weg. Wird es neue Gräben geben?

Harald Mahrer: Was ich persönlich mir erwarte, ist, dass in der öffentlichen Auseinandersetzung ein wesentlich sachlicherer Diskurs geführt wird. Mein Grundprinzip stammt noch aus meiner Zeit in der Wissenschaft und heißt „evidenzbasierte Arbeit“. Natürlich ist jeder von uns in seinen Werthaltungen geprägt und mit verschiedenen Erfahrungen großgeworden. Ich finde es aber wichtig, dass man Fakten nicht außen vorlässt, auch wenn es um Wirtschaftspolitik geht. Daher wünsche ich mir eine Stilistik, welche in der Gesprächsführung und im Dialog weniger dogmatisch und ideologiebelastet ist. Dies würde uns helfen, schnellere und bessere Entscheidungen zu treffen.

Kathrin Schneider: Sie wollen Defizite in der Wirtschaftskammer angehen und alte Strukturen verschlanken. Was muss passieren, dass es weitergeht? Müssen wir uns auf magere Jahre vorbereiten?

Harald Mahrer: Wenn wir von Strukturen sprechen, müssen wir diese in der gesamten Republik betrachten. Viele unserer Systeme sind in gewissem Maße in die Jahre gekommen. Das fängt im Bildungsbereich an und zieht sich über die gesamte öffentliche Verwaltung bis hin zum halböffentlichen Bereich wie unseren Interessensvertretungen hin. Unsere Mitgliedsbetriebe haben den Vorteil, dass sie sich täglich auf dem Markt für den Kunden neu erfinden müssen. Darum fordern sie zu Recht von uns einen gewissen Standard ein und benötigen von uns dieselbe bedingungslose Kreativität, wenn es darum geht, unsere Services noch innovativer und schneller zu machen. Auch das Preis-Leistungsverhältnis muss stimmen. Die BürgerInnen stellen sich ja auch die Frage: Was krieg ich eigentlich für meine Steuern und Abgaben sowie meine Sozialversicherungsbeiträge? Passt da die Leistung?

Kathrin Schneider: Sind Sie ein Befürworter des Föderalismus, sowohl bei der WKO, als auch in staatlichen Belangen, oder sehen Sie ihn eher kritisch?

Harald Mahrer: Ich glaube, diese Debatte muss man differenziert und ebenfalls wieder faktenbasiert führen. Unsere Wirtschaft ist für mich unteilbar, ich unterscheide nicht zwischen kleinen lokalen Dienstleistern oder großen Exportbetrieben. Alle hängen vernetzt zusammen. Diese Buntheit der Struktur zieht sich über die Region und die Landesebenen über den gesamten Bund hin. Wir haben über 11.000 mehrheitlich freiwillig und unentgeltlich arbeitende UnternehmerInnen, welche ihr Know-how in unsere Interessensvertretungen und die Servicearbeit einbringen – auch im Bildungsbereich – die von fast 5.000 MitarbeiterInnen unterstützt werden, welche unsere Unternehmerschaft betreuen. Das macht auch Sinn, weil es hier genauso um die lokale Betreuung in der Region wie um Interessensvertretungsarbeit, zum Beispiel auf europäischer Ebene, geht. Ebenfalls sehr wertvoll sind unsere 110 Außenwirtschaftscenter rund um den Globus, die einen entscheidenden Beitrag dafür leisten, dass jedes Jahr ein paar tausend unserer Unternehmen mehr auf die Weltmärkte gehen. Für unsere Strukturen sprechend macht diese diverse, bunte und wenn Sie so wollen, auch föderalistische Struktur also sehr viel Sinn.

Kathrin Schneider: Stichwort „Arbeitszeitflexibilisierung“ – Sie sprachen von einer „Gräuelpropaganda“, welche AK sowie ÖGB in diesem Zusammenhang betreiben. Können Sie jedoch tatsächlich jedes noch so kleine „Gräuel“ ausschließen?

Harald Mahrer: Ich kann ausschließen, dass das, was seitens anderer Gruppierungen suggeriert wird, tatsächlich beabsichtigt ist: Niemand will, dass unsere MitarbeiterInnen täglich 12 Stunden oder 60 Stunden in der Woche arbeiten. Niemand will, dass, wenn sie Mehrarbeit leisten, diese Überstunden nicht bezahlt oder durch mehr Freizeit in einem anderen Zeitraum abgegolten werden. Es geht ganz einfach darum, flexiblen Spielraum zu haben. Die ArbeitnehmerInnen sollen, wenn es in der modernen Arbeitswelt einfach einmal notwendig ist, dass „der ­Job gemacht werden muss“, diesen auch machen können. Wir sehen im Bereich der MitarbeiterInnen unzählige BotschafterInnen, welche wie ein Mantra vor sich hertragen, dass flexibles Arbeiten notwendig ist. Was ich mir weiters wünschen würde, ist eine vernünftige Steuerreform, in welcher tatsächlich mehr Netto vom Brutto bleibt.

Kathrin Schneider: Wir Akademie-Teilnehmer sind allesamt junge Studenten, viele haben bisher wenig Berufserfahrung. Eine Frage an den früheren Beinahe-Journalisten Harald Mahrer: Was macht einen guten Journalisten aus?

Harald Mahrer: Wichtig ist es, die Fragen präzise zu stellen und nachzufragen, wenn der Interviewpartner ausweicht, das macht einen guten Journalisten aus. Auch ich habe mich vor und in den Anfängen meiner unternehmerischen Tätigkeit journalistisch betätigt und die Erfahrung gemacht, dass eine gute Vorbereitung und eine gute Recherche einen in eine durchaus mächtigere sowie in der Interviewsituation nicht ohnmächtige Lage versetzen. In den letzten 20 Jahren hat außerdem der Digitalbereich einen massiven Einfluss auf die Art und Weise, wie Journalismus funktioniert, genommen. Meiner Meinung nach wird das schnelle Konsumieren von Nachrichten noch intensiver werden, weshalb es wichtig ist, in dieser Thematik „fit zu bleiben“. Wir brauchen einfach einen starken Journalismus und starke Medien, damit wird uns über das, was draußen passiert, austauschen können. Dafür ist ein unabhängiger Journalismus essentiell.

Kathrin Schneider: Und was muss er noch können?

Harald Mahrer: Wichtig ist ein hohes Ausmaß an sozialer Intelligenz und Empathie. Journalisten müssen sich im Idealfall in die andere Person hineinversetzen können und eine gemeinsame Ebene finden. Auch sollte man eine natürliche Neugierde haben, etwas herauszufinden und hinter ein Geheimnis kommen zu wollen. Unnachgiebigkeit ist ebenfalls wichtig – ein guter Journalist oder eine gute Journalistin sollte auch bereit sein, zusätzlich ein paar Extrameter zu gehen, um die wirklich guten Stories zu bekommen. Man muss vernetzt denken können und auch vernetzt sein. Das sind nur einige der Aspekte. Das Entscheidende ist aber, ob man ein Talent hat, eine wirklich gute Geschichte zu erzählen oder diese am Ende des Tages auf Papier bringen zu können. Die Storytelling-Komponente ist also eine nicht unwichtige.

Kathrin Schneider: Ob in der Wirtschaftskammer oder bis vor Kurzem sogar als Kanzler – Christian Kern studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften – es scheint, es würden immer mehr Journalisten in die Politik drängen. Können Journalisten Politik?

Harald Mahrer: Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass man, egal mit welchem beruflichen Background, ein stark politisch denkender und agierender Mensch sein kann. Ob einen das automatisch für die Spitzenpolitik qualifiziert, ist eine ganz andere Frage. Entscheidend ist das Engagement auf ganz anderen Ebenen! Man kann sich in einer Gemeinde lokalpolitisch engagieren, Interessensvertretungsarbeit leisten oder in einer NGO arbeiten – das Aufgabenspektrum ist sehr weit. Wenn man die Spitzenpolitik direkt anspricht, muss man sagen, dass diese durchaus ein sehr spezielles Pflaster geworden ist. Sie ist sehr schnelllebig, Entscheidungen müssen in kürzester Zeit getroffen werden und es ist sehr viel Entscheidungskomplexität da. Ich glaube nicht, dass sich jemand, der bereits journalistisch tätig war oder einen kommunikationswissenschaftlichen Background hat, auch automatisch als Politiker eignet. Dennoch hat Politik unbedingt mit Kommunikation zu tun – viele meinen, dass die perfekte Politik die perfekte Kommunikation ist.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s