Lisa Totzauer: „Müssen als ORF mit den Bürgern stärker in Dialog treten”

Seit einem Jahr ist Lisa Totzauer Senderchefin im ORF1. Mit der Medienakademie sprach sie im Rahmen des 6. Medien.Mittelpunkt.Ausseerland über politische Einflussnahmen, Finanzierung und die Zukunft des ORF.

Von Emilia Garbsch und Selina Trummer

Selina Trummer: Die EU-Wahlen stehen an und im ORF ist im Hinblick darauf viel zu sehen. Wie stellen Sie sicher, bei der Berichterstattung keine parteipolitischen Einflüsse zuzulassen?

Totzauer: Wir sind ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Das ist in der Grundsätzlichkeit undenkbar. Das ist so als wäre ich der Chef von Audi und Sie fragen mich, wie ich sicherstelle, dass alle Autos auch vier Räder haben und nicht nur drei. Dass ein Pressesprecher anruft, und es versucht ist ja nicht schlimm, aber die Frage ist, was wir zulassen. Die Frage hat mich jetzt überrascht.

Emilia Garbsch: Der ORF ist bemüht, Ressourcen und Kosten einzusparen. Wieso wurden trotzdem die zwei Channel ORF1 und ORF2 getrennt?

Totzauer: Die Konkurrenz segmentiert sich immer stärker in ganz viele Kleinsender, die sehr spezifisch für ihre Zielgruppen Programm machen. Vor diesem Hintergrund ist es entscheidend, dass wir das auch im ORF machen. Es geht ja darum, wie die Flotte stärker und breiter wird. Daher ist es logisch, und das sehen wir auch weltweit am Medienmarkt, dass das Channel-System vorherrschend ist, weil sehr präzise auf eine Zielgruppe hin produziert wird.

Trummer: Wie legen Sie den ORF an? Was ist Ihre Rolle?

Totzauer: Meine Aufgabe ist es, dass wir den Kanal sehr klar für die Zielgruppen von ORF1 programmieren und Verlässlichkeit herstellen. Wir brauchen auf ORF1 mehr Programmanker. Um 20 Uhr bekomme ich zum Beispiel die ZIB20. Ohne diese Anker, generiere ich nie einen Einschaltimpuls. Hier sind wir gerade im Transformationsprozess, aber er geht Schritt für Schritt und das ist ein sehr langer Prozess.

Trummer: Sie haben vor einem Monat dem Standard gesagt, Sie seien mit dem Start des Vorabendprogramms zufrieden. Bewähren sich die österreichischen Inhalte?

Totzauer: So etwas geht nicht von heute auf morgen. Wir reden von einem Prozess, der ein bis zwei Jahre dauert. Das ist das normalste am Fernsehmarkt und das wird in der aktuellen Diskussion in Österreich oft vergessen. Wie lange hat „Willkommen Österreich“ mit Stermann und Grissemann gebraucht, um sich irgendwie zu etablieren und ein Quotenerfolg zu sein? Wir setzen Dinge, probieren sie aus, justieren sie nach. Falls wir es nicht schaffen, wird auch der Moment kommen, an dem wir es hinterfragen und vielleicht etwas anderes probieren. Es geht hier viel um die Interaktion mit dem Publikum.

Garbsch: Sie leiten den Sender jetzt seit einem Jahr. Sie haben über die ORF Reform und den schwindenden Marktanteil gesprochen. Wie hat sich das in den letzten Monaten verändert?

Totzauer: Wir konzentrieren uns sehr präzise auf die Zielgruppe vom ORF1. Wir sehen, dass wir mit den Programmierungen, die auf unsere Zielgruppe zugeschnitten sind, vom Marktanteil sehr stabil sind und diesen Schwund langsam zum Stoppen bringen. Das braucht schon seine paar Jahre, bis das dann auch wirklich zum Tragen kommt.

Trummer: Wie sieht es in Bezug auf das ORF Gesetz aus? Es beschränkt teilweise die Möglichkeiten für technische und digitale Innovationen. Welche Änderungen sind bei der Überarbeitung geplant?

Totzauer: Dadurch, dass ich weder das Gesetz schreibe, noch verhandle und nicht der Gesetzgeber bin, kann ich nur das weitergeben, was man aus Hintergrundgesprächen mitbekommt. Das, was meiner Meinung nach dem Gesetzgeber ein Anliegen ist, ist die Stärkung des österreichischen Medienmarkts und die Wertschöpfung im Land zu halten. Ich glaube auch, dass es im digitalen Bereich natürlich Erleichterungen mit den Beschränkungen geben wird. Es ist möglich, dass es auch im strukturellen Bereich Veränderungen gibt, aber ich kenne den Stand in den Verhandlungen zwischen ÖVP und FPÖ nicht.

Garbsch: Können Sie einschätzen, wie das jetzt mit Budgetfinanzierung oder GIS Finanzierung aussieht und was zu erwarten ist?

Totzauer: Ich glaube, dass derzeit die Finanzierungsfrage, wie auch der Medienminister schon gesagt hat, nicht das heiße Thema ist. Ich persönlich bin bei einer Budgetfinanzierung sehr skeptisch, weil ich durch die Gebühren die Chance habe, viel direkter zu spüren, was meinem Publikum wichtig ist. Deshalb glaube ich auch, dass es ein bewährtes System ist und bleiben sollte.

Garbsch: Die GIS fällt heute immer noch nach Gerät an. Fast alle können aber auch schon online den ORF empfangen. Finden Sie, dieses Gebührensystem sollte beibehalten werden?

Totzauer: Es ist die Frage, wie wir den Wert eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks für uns definieren. Ist es eine Haushaltsabgabe? Oder ist es nicht viel mehr eine Form von Demokratieabgabe, die dann auch jeden betrifft. Ich weiß noch zu wenig über die inhaltliche Ausrichtung und das Ziel des Gesetzgebers.

Trummer: Welche Ziele sollen Ihrer Meinung nach in den nächsten fünf Jahren im ORF umgesetzt werden?

Totzauer: Ich glaube, dass wir mit den Bürgern in Österreich viel stärker in den Dialog und wahrnehmen sollten, was die Bedürfnisse sind. Wir kommen aus dem Gedankengut der Inside-Out-Strategie. Es hat nur uns gegeben. Wir erklären euch jetzt die Welt. Wir sagen euch, was relevant ist. Wir entscheiden was gut und was schlecht ist. Wir müssen in eine Outside-In-Strategie kommen und auch begreiflich machen, dass der ORF für alle da ist und die Interessen der Bürger vertritt.

Bildunterschrift: Senderchefin Totzauer: „Sollten wir es nicht schaffen, probieren wir etwas anderes“ – Foto: Julia Pabst

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s