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Heidi Glück: „Strache hat keinen Jörg Haider“

Die Kommunikationschefin der ersten schwarz-blauen Regierung Heidi Glück darüber, was die Kabinette von Schüssel und Kurz unterscheidet, über die Message Control aus kommunikationstechnischer Sicht und die Verantwortung der Medien.

Medienakademie 2018 Tag 1-85Von Alina Neumann

Welche Parallelen und Unterschiede sehen Sie zwischen der Schüssel- und der Kurz-Regierung?

Das ist noch schwer zu vergleichen. Die Regierung Schüssel hat sieben Jahre gedauert, die Regierung Kurz ist erst sechs Monate im Amt. Gemeinsamkeiten gibt es da, wo man versucht, einen gemeinsamen Kurs zu machen und die Konfliktlinien nicht auf der Ebene der Regierungsparteien auszutragen, sondern zwischen Regierung und Opposition. Bis jetzt gelingt das auch. Ich glaube – und da bin ich beim Unterschied –, dass das jetzt restriktiver gemacht wird. Heute nennt man das Message Control. So streng, wie das Kanzleramt von Kurz die Kommunikation kontrolliert, habe ich mich gar nicht zu sein getraut.

War die Regierung Schüssel weniger auf das Bild, das die Medien von ihr vermitteln, bedacht als die jetzige Regierung?

Das würde ich nicht sagen. Natürlich haben wir uns auch bemüht, unsere Arbeit positiv darzustellen. Aber wir sind die wirklich großen Reformen früher angegangen. Die Einschnitte, die unter Schüssel gemacht worden sind, waren wahrscheinlich härter als die der Regierung Kurz. Man darf nicht vergessen, dass es im ersten Halbjahr vier Landtagswahlen gab. Da wird man nicht einen Verlust bei den Wahlen riskieren. Ich bin zuversichtlich, dass die großen Reformschritte noch kommen werden.

Hat es Sebastian Kurz leichter mit der FPÖ oder schwerer als Wolfgang Schüssel?

Ich glaube, zwischen den Regierungsspitzen, also zwischen Schüssel und Riess-Passer damals und Kurz und Strache, läuft es ziemlich ähnlich. Strache hat aber keinen Jörg Haider in Kärnten. Insofern ist es jetzt vielleicht ein bisschen leichter, weil es diesen externen Faktor nicht gibt. Dieser Faktor ist nun eher die Opposition und da hat es die Regierung sicher einfacher, weil die Opposition im Moment gar nichts auf den Weg bringt.

Wir hatten die Liederbuchaffäre, wir hatten die Wanze, die plötzlich aufgetaucht ist, wir haben jetzt die Causa „BVT“. Ist die FPÖ schon in der Regierung angekommen?

Sicher waren die ersten Monate überlagert mit all diesen Themen. Das lässt die inhaltliche Arbeit in den Hintergrund geraten. Aber das sind vielleicht die Geburtswehen, da muss die FPÖ durch. Es gibt auch ganz erstaunliche Dinge. Nach dem gemeinsamen Ministerrat in Brüssel gab es diese Familienfotos mit der österreichischen Bundesregierung und mit den Mitgliedern der EU-Kommission. Das Foto hat eindeutig die Botschaft: Wir alle sind Europa. Das sind gute Fotos, das ist ein europäisches Commitment. Wann immer sich die politische Linie der FPÖ ändert, können wir an diese Bilder erinnern.

Überspitzt gefragt: Wird das nur für das Foto so dargestellt oder steckt da auch etwas dahinter?

Ich glaube, dass die FPÖ-Mannschaft froh und dankbar war, dass sie in Brüssel angenommen wurden. Niemand ist aufgestanden und hat den Raum verlassen, wie das bei den FPÖ-Ministern von Schüssel der Fall war, im Gegenteil. Sie wurde freundlich empfangen. Die FPÖ bekommt jetzt die Art von Wertschätzung, nach der sie immer gegiert hat.

Sie haben die erfolgreiche Message Control der Regierung angesprochen. Was glauben Sie, wie lange die so funktionieren wird?

Warum das momentan so gut funktioniert, hat auch damit zu tun, dass es sehr viele neue Minister und Mitarbeiter gibt, die noch nie vorher Politik gemacht haben. Die sind mit Sicherheit dankbar, dass man sie vor Fehlern oder Fallen bewahrt. Da hat Message Control eine Schutzfunktion. Irgendwann werden diese Personen selbstbewusster werden und dann ist die Frage, wie das weiterhin funktioniert. Das Entscheidende sind aber die Koordination und das Themen-Setting. Es wirken so viele Störfaktoren auf die eigene Politik, dass man in Wahrheit permanentes Krisenmanagement betreiben muss, damit man seine Themen durchbringt.

Stichwort Agenda-Setting: Haben die Medien schon den richtigen Umgang mit der Message Control gefunden?

Ich beobachte, dass das Themensetting der Regierung unglaublich gut funktioniert. Die Journalisten folgen dem, was die Regierung plant und inszeniert. Sie ist im Moment stärker als die Medien, die das konterkarieren wollen. Welches Medium kann es sich leisten, nicht über den Ministerrat in Brüssel zu berichten? Der Beweis, ob das Show war oder nicht, kommt erst zum Schluss. Wenn sich aber die ganze EU-Kommission hinstellt und kommuniziert wird, worüber man geredet hat, dann tut man sich schwer zu sagen, das sei nur Show. Inszenierung allein würde nicht funktionieren. Das Entscheidende ist, dass auch Content mittransportiert wird. So lange das so ist, ist es eine Win-Win-Situation für Journalisten und Regierung. Schlimm wird es erst, wenn die Journalisten das Gefühl haben, es ist eine reine Inszenierung und sie haben nichts davon. Sie müssen ja irgendwie ihre Blätter füllen.

Also haben die Medien den richtigen Umgang noch nicht gefunden.

Das ist nicht Frage der Regierung, sondern liegt in der Verantwortung der Journalisten. Wie kritisch hinterfrage ich die Dinge? Wie beleuchte ich sie und wie bereite ich sie auf? Den Vorwurf kann man nicht der Politik machen.

Der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer hat die Umfärbung der ÖVP als „Marketing-Maßnahme“ bezeichnet. Was antworten Sie ihm darauf?

Ich glaube nicht, dass er mit dieser Aussage die Politik von Sebastian Kurz abwerten wollte. Die Partei jünger, mit neuen Gesichtern und einer neuen Farbe darzustellen ist natürlich Marketing. Wenn ich sage, wir machen etwas neu, muss ich mir überlegen, wie ich das zeigen kann. Das Neue werde ich schwer zeigen können, wenn ich sage: Wir befassen uns jetzt mit der Bildungspolitik oder mit Pflegereformen. Wenn ich das schwarze Handy, das da vor mir liegt, rosarot anmale, dann ist es ein neues Handy und ich erkenne es fast nicht wieder. Damit schaffe ich Aufmerksamkeit und die Leute wollen wissen, was da drinnen ist und was das kann. Auch Politik braucht Marketing.

Wenn man das Handy anmalt, ist es zwar äußerlich neu, aber der Inhalt bleibt gleich. Wie tiefgehend hat diese türkise „Marketing-Maßnahme“ die Strukturen in der ÖVP verändert?

Eine Marketing-Maßnahme kann die Struktur nicht verändern. Sebastian Kurz hat das gemacht, indem er dem Parteivorstand sieben Punkte vorgelegt hat. Die haben aus der Führungsriege der ÖVP eine andere gemacht, was die Kompetenzen eines ÖVP-Obmanns betrifft. Das waren nicht die Marketing-Maßnahmen, sondern konkrete Forderungen.

Aber da reden wir jetzt von der Führungsebene. Wie weit in die Basis hinein wirken diese Veränderungen?

In der Basis wird es nur dann spürbar, wenn es um die Listenerstellung vor Wahlen geht. Da wirkt das bessere Marketing schon. Das ist für viele ermutigend.

Um noch einmal auf die Schüssel-Ära zurückzukommen: Welches Bild drückt diese Zeit für Sie am besten aus?

Da fällt mir der Start der EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2006 ein. Wir haben ein Fußballspiel organisiert, wo die Regierungschefs der anderen Länder mit den Ministern der österreichischen Regierung Fußball gespielt haben. Ich glaube, das ist ein Symbolbild, weil ein zentraler Punkt für Wolfgang Schüssel die proeuropäische Ausrichtung von Österreich war. Dieser Europa-Gedanke, dieses Gemeinsame, das hat die Ära Schüssel geprägt. Das Spiel ist ja interessanterweise 7:7 ausgegangen.

Welches Bild sollte von der Kurz-Regierung bleiben?

Es gibt ja noch nicht so viele Bilder von dieser Regierung. Aber es wäre gut, wenn dieses von der türkis-blauen Regierungsmannschaft gemeinsam mit den Mitgliedern der EU-Kommission bleiben würde. Ich würde noch den Titel darüber setzen: Wir sind Europa.

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Christian Ultsch: „Europa hatte ein schlechtes Gewissen“

In ihrem Buch „Flucht – Wie der Staat die Kontrolle verlor“ rekonstruieren Christian Ultsch, Thomas Prior und Rainer Nowak von der „Presse“ die politischen Vorgänge zwischen Sommer 2015 und Frühjahr 2016. Ein Autorengespräch mit Christian Ultsch, Außenpolitik-Chef der Presse, über die österreichisch-deutschen Beziehungen während der Flüchtlingskrise, die Karriere von Sebastian Kurz und die Vermutung, warum die Albanienroute nicht nur ein Marketing-Gag ist.

Medienakademie 2018 Tag 1-38Medienakademie 2018 Tag 1-36Von Tilly Sünkel und Alina Neumann

Beginnen wir mit dem Rechtsruck, den Sie in Ihrem Buch als eine Begleiterscheinung der Flüchtlingskrise beschreiben: Die Stimmung in Österreich war zu Beginn der Flüchtlingskrise sehr positiv. Dann gab es einen Umschwung. Sie meinen, dass Sebastian Kurz diesen Stimmungswechsel in der Bevölkerung sehr früh wahrgenommen hat. Was war zuerst da? Die öffentliche Meinung oder die Maßnahmen der Politik?

Politiker greifen Stimmungen auf und können sie verstärken. Sebastian Kurz hat ein Gespür für diese Stimmungen. Er bleibt auf den Themen Migration und Flüchtlinge drauf und hat keine Scheu, seine Botschaften zu wiederholen. Solange ihm das Erfolg bringt, setzt er diesen Kurs fort. Der Rechtsruck lässt sich am Wahlergebnis ablesen. Die Parteien rechts der Mitte haben gewonnen. Die Grünen sind zertrümmert worden, stattdessen gibt’s eine Liste Pilz im Parlament, die eine viel restriktivere Meinung in der Flüchtlingsfrage vertritt als die Grünen. Es war aber schon unter Werner Faymann eine Bewegung nach rechts zu sehen.

Faymann ist ja sozusagen mit der Flüchtlingskrise untergegangen und Kurz ist aufgestiegen. Hat man auch bei Christian Kern sehen können, dass er an dem Thema scheitern wird?

Kern hatte eine schwierige Ausgangsposition. Das Thema „Migration und Flüchtlinge“ war im Wahlkampf so stark präsent und er hat verzweifelt versucht, auf andere Themen zu setzen. Das ist ihm nicht gelungen. In Wirklichkeit war sein Desaster die Silberstein-Affäre. Im Nachhinein betrachtet ist es fast schon ein Wunder, dass die SPÖ noch so viele Stimmen ergattert hat. Es ist auch die Selbsteinschätzung von Christian Kern, dass beim Flüchtlingsthema einfach keiner mit Sebastian Kurz mithalten konnte. Da hatte Kurz einfach die größere Glaubwürdigkeit. Ich glaube allerdings, dass Kern gegen jeden anderen Kandidaten der ÖVP gewonnen hätte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ja mit den Worten „Wir schaffen das“ die deutsche „Willkommenskultur“ zu Beginn der Flüchtlingskrise geprägt. Wurde das von der österreichischen Seite als Bedrohung oder gar als Gefahr für die eigene Sicherheit wahrgenommen?

Nein, überhaupt nicht. Österreich und Deutschland waren lange im Gleichklang. Da gibt es eine Episode: Als dieser Kühllaster mit den toten Flüchtlingen bei Parndorf gefunden wurde, fand zum selben Zeitpunkt ein Westbalkangipfel in Wien statt. Faymann hat Merkel dort die Nachricht von diesem Drama gezeigt. Solche Erlebnisse, glaube ich, schweißen zusammen. Wenn man versucht solche historischen Prozesse nachzuvollziehen, muss man sich in die damaligen politischen Gefühlslagen hineinversetzen. Ich sage, Europa hatte ein schlechtes Gewissen. Das Flüchtlingsproblem wurde lange verdrängt und auf einmal standen die Flüchtlinge da. Man wollte helfen. Das war der erste kollektive Gedanke. Dann kam allerdings ein zweiter Gedanke dazu, ob nicht zu viele Menschen kommen und zu wenig kontrolliert wird. Dieser zweite Gedanke ist dann geblieben.

Sebastian Kurz hat sehr früh versprochen, mehr Kontrollen einzuführen und die Außengrenzen besser zu sichern. Inwiefern hing seine Karriere von der Schließung der Balkanroute ab?

Das war auf jeden Fall so. Dieses Projekt war zum Teil ein riskantes Spiel. Es hätte aus mehreren Gründen schief gehen können. An der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien hätte sich ein tragischer Vorfall ereignen können, zum Beispiel dass irgendein Kind erschossen wird. Diese Fantasie hatten die Mitarbeiter von Kurz. Sie haben für diesen Fall sogar ein Kommuniqué vorbereitet. Die zweite Unwägbarkeit war, was passiert, wenn der Grenzzaun zwischen Griechenland und Mazedonien nicht hält, wenn dann zwanzig- oder dreißigtausend Flüchtlinge im Spielfeld stehen. Da hat er viel politisches Kapital eingesetzt. Zudem war er auch umstritten. Aber Profil gewinnt man immer nur, wenn man umstritten ist und polarisiert.

Hat die Flüchtlingskrise Österreich zu einem wichtigeren Akteur auf internationaler Ebene gemacht?

Natürlich lag Österreich inmitten dieser Krise, auch rein geographisch gesehen. Österreich war ein zentraler Punkt der Balkanroute und deswegen wurde es auch viel stärker als Akteur wahrgenommen. Das heißt, die Handlungen Österreichs, zum Beispiel die Einführung der Obergrenze und auch die Versuche, in Mazedonien die Balkanroute zu schließen, hatten natürlich Bedeutungen, die über Österreich hinausgegangen sind. Das ist ein eher seltener Fall für Österreich. Österreich hat damals sicher oberhalb der eigenen Gewichtsklasse agiert.

Hat das auch Kurz international zu einer wichtigeren Rolle verholfen?

Kurz wurde davor schon international wahrgenommen, aber vor allem wegen seines jungen Alters. Das Thema Migration hat er damals sehr geschickt instrumentalisiert. Er hat das Feld geradezu obsessiv beackert. Das macht er bis zum heutigen Tag. Das ist seine Marke.

Wir sprechen nun wieder über eine neue Route, die Albanienroute. Ist das Hysterie oder Marketing?

Das spielt auch eine Rolle, aber alle wollen zeigen, dass Sie auf der Hut sind. Es hat nicht nur opportunistische, populistische Gründe, dass man da genauer hinschaut, aber auch.

Ist da auch Voraussicht dabei?

Ja, klar. Wenn man eine Regierung bildet, die auf dem Ticket „Begrenzung der Zuwanderung“ gewählt wurde und man sieht einen Zahlenanstieg bei der illegalen Migration, dann muss man etwas machen. Man muss gegenüber seinen Wählern halbwegs den Eindruck vermitteln, dass man seine Versprechen umsetzt. Deswegen ist es logisch, dass diese Regierung so agiert.

Auch wenn die Zahlen nicht so signifikant sind.

Auch dann. Vielleicht ist auch das eine oder andere Korn Übertreibung dabei. Interessanterweise wählt man jetzt denselben Mechanismus wie damals. Zuerst gab es ein Treffen der Polizeichefs entlang dieser Route, dann haben sich die Innenminister getroffen. Der Vorgang bei der Schließung der Balkanroute wurde genau kopiert.

Wird man in Zukunft besser vorbereitet sein?

Ich glaube, man wird nicht mehr zulassen, dass ein derartig breiter Strom von Flüchtlingen quer durch Europa zieht. Politisch kann man das an sich nicht überleben. Das geht nur, wenn man wie Angela Merkel einen riesigen Bonus angesammelt hat. Aber sonst ist jeder Politiker, der da nicht agiert, weg, weil es die Mehrheit der Bevölkerung nicht mittragen würde.

 

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Harald Mahrer: „Wir brauchen einen starken Journalismus und starke Medien“

Dr. Harald Mahrer hat am 18. Mai das Präsidentenamt der österreichischen Wirtschaftskammer angetreten: Der ideale Zeitpunkt für einige Fragen zur Zukunft der WKO, 12-Stunden-Tage sowie zum Phänomen „Publizisten in der Politik“.

WKO Präsident Harald Mahrer @Medienakademie 2018-7

Kathrin Schneider: Im Mai wurde das Präsidentenamt der Österreichischen Wirtschaftskammer an Sie übergeben. Sie haben einen neuen Stil angekündigt, wollen von alten, ideologischen Gräben weg. Wird es neue Gräben geben?

Harald Mahrer: Was ich persönlich mir erwarte, ist, dass in der öffentlichen Auseinandersetzung ein wesentlich sachlicherer Diskurs geführt wird. Mein Grundprinzip stammt noch aus meiner Zeit in der Wissenschaft und heißt „evidenzbasierte Arbeit“. Natürlich ist jeder von uns in seinen Werthaltungen geprägt und mit verschiedenen Erfahrungen großgeworden. Ich finde es aber wichtig, dass man Fakten nicht außen vorlässt, auch wenn es um Wirtschaftspolitik geht. Daher wünsche ich mir eine Stilistik, welche in der Gesprächsführung und im Dialog weniger dogmatisch und ideologiebelastet ist. Dies würde uns helfen, schnellere und bessere Entscheidungen zu treffen.

Kathrin Schneider: Sie wollen Defizite in der Wirtschaftskammer angehen und alte Strukturen verschlanken. Was muss passieren, dass es weitergeht? Müssen wir uns auf magere Jahre vorbereiten?

Harald Mahrer: Wenn wir von Strukturen sprechen, müssen wir diese in der gesamten Republik betrachten. Viele unserer Systeme sind in gewissem Maße in die Jahre gekommen. Das fängt im Bildungsbereich an und zieht sich über die gesamte öffentliche Verwaltung bis hin zum halböffentlichen Bereich wie unseren Interessensvertretungen hin. Unsere Mitgliedsbetriebe haben den Vorteil, dass sie sich täglich auf dem Markt für den Kunden neu erfinden müssen. Darum fordern sie zu Recht von uns einen gewissen Standard ein und benötigen von uns dieselbe bedingungslose Kreativität, wenn es darum geht, unsere Services noch innovativer und schneller zu machen. Auch das Preis-Leistungsverhältnis muss stimmen. Die BürgerInnen stellen sich ja auch die Frage: Was krieg ich eigentlich für meine Steuern und Abgaben sowie meine Sozialversicherungsbeiträge? Passt da die Leistung?

Kathrin Schneider: Sind Sie ein Befürworter des Föderalismus, sowohl bei der WKO, als auch in staatlichen Belangen, oder sehen Sie ihn eher kritisch?

Harald Mahrer: Ich glaube, diese Debatte muss man differenziert und ebenfalls wieder faktenbasiert führen. Unsere Wirtschaft ist für mich unteilbar, ich unterscheide nicht zwischen kleinen lokalen Dienstleistern oder großen Exportbetrieben. Alle hängen vernetzt zusammen. Diese Buntheit der Struktur zieht sich über die Region und die Landesebenen über den gesamten Bund hin. Wir haben über 11.000 mehrheitlich freiwillig und unentgeltlich arbeitende UnternehmerInnen, welche ihr Know-how in unsere Interessensvertretungen und die Servicearbeit einbringen – auch im Bildungsbereich – die von fast 5.000 MitarbeiterInnen unterstützt werden, welche unsere Unternehmerschaft betreuen. Das macht auch Sinn, weil es hier genauso um die lokale Betreuung in der Region wie um Interessensvertretungsarbeit, zum Beispiel auf europäischer Ebene, geht. Ebenfalls sehr wertvoll sind unsere 110 Außenwirtschaftscenter rund um den Globus, die einen entscheidenden Beitrag dafür leisten, dass jedes Jahr ein paar tausend unserer Unternehmen mehr auf die Weltmärkte gehen. Für unsere Strukturen sprechend macht diese diverse, bunte und wenn Sie so wollen, auch föderalistische Struktur also sehr viel Sinn.

Kathrin Schneider: Stichwort „Arbeitszeitflexibilisierung“ – Sie sprachen von einer „Gräuelpropaganda“, welche AK sowie ÖGB in diesem Zusammenhang betreiben. Können Sie jedoch tatsächlich jedes noch so kleine „Gräuel“ ausschließen?

Harald Mahrer: Ich kann ausschließen, dass das, was seitens anderer Gruppierungen suggeriert wird, tatsächlich beabsichtigt ist: Niemand will, dass unsere MitarbeiterInnen täglich 12 Stunden oder 60 Stunden in der Woche arbeiten. Niemand will, dass, wenn sie Mehrarbeit leisten, diese Überstunden nicht bezahlt oder durch mehr Freizeit in einem anderen Zeitraum abgegolten werden. Es geht ganz einfach darum, flexiblen Spielraum zu haben. Die ArbeitnehmerInnen sollen, wenn es in der modernen Arbeitswelt einfach einmal notwendig ist, dass „der ­Job gemacht werden muss“, diesen auch machen können. Wir sehen im Bereich der MitarbeiterInnen unzählige BotschafterInnen, welche wie ein Mantra vor sich hertragen, dass flexibles Arbeiten notwendig ist. Was ich mir weiters wünschen würde, ist eine vernünftige Steuerreform, in welcher tatsächlich mehr Netto vom Brutto bleibt.

Kathrin Schneider: Wir Akademie-Teilnehmer sind allesamt junge Studenten, viele haben bisher wenig Berufserfahrung. Eine Frage an den früheren Beinahe-Journalisten Harald Mahrer: Was macht einen guten Journalisten aus?

Harald Mahrer: Wichtig ist es, die Fragen präzise zu stellen und nachzufragen, wenn der Interviewpartner ausweicht, das macht einen guten Journalisten aus. Auch ich habe mich vor und in den Anfängen meiner unternehmerischen Tätigkeit journalistisch betätigt und die Erfahrung gemacht, dass eine gute Vorbereitung und eine gute Recherche einen in eine durchaus mächtigere sowie in der Interviewsituation nicht ohnmächtige Lage versetzen. In den letzten 20 Jahren hat außerdem der Digitalbereich einen massiven Einfluss auf die Art und Weise, wie Journalismus funktioniert, genommen. Meiner Meinung nach wird das schnelle Konsumieren von Nachrichten noch intensiver werden, weshalb es wichtig ist, in dieser Thematik „fit zu bleiben“. Wir brauchen einfach einen starken Journalismus und starke Medien, damit wird uns über das, was draußen passiert, austauschen können. Dafür ist ein unabhängiger Journalismus essentiell.

Kathrin Schneider: Und was muss er noch können?

Harald Mahrer: Wichtig ist ein hohes Ausmaß an sozialer Intelligenz und Empathie. Journalisten müssen sich im Idealfall in die andere Person hineinversetzen können und eine gemeinsame Ebene finden. Auch sollte man eine natürliche Neugierde haben, etwas herauszufinden und hinter ein Geheimnis kommen zu wollen. Unnachgiebigkeit ist ebenfalls wichtig – ein guter Journalist oder eine gute Journalistin sollte auch bereit sein, zusätzlich ein paar Extrameter zu gehen, um die wirklich guten Stories zu bekommen. Man muss vernetzt denken können und auch vernetzt sein. Das sind nur einige der Aspekte. Das Entscheidende ist aber, ob man ein Talent hat, eine wirklich gute Geschichte zu erzählen oder diese am Ende des Tages auf Papier bringen zu können. Die Storytelling-Komponente ist also eine nicht unwichtige.

Kathrin Schneider: Ob in der Wirtschaftskammer oder bis vor Kurzem sogar als Kanzler – Christian Kern studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften – es scheint, es würden immer mehr Journalisten in die Politik drängen. Können Journalisten Politik?

Harald Mahrer: Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass man, egal mit welchem beruflichen Background, ein stark politisch denkender und agierender Mensch sein kann. Ob einen das automatisch für die Spitzenpolitik qualifiziert, ist eine ganz andere Frage. Entscheidend ist das Engagement auf ganz anderen Ebenen! Man kann sich in einer Gemeinde lokalpolitisch engagieren, Interessensvertretungsarbeit leisten oder in einer NGO arbeiten – das Aufgabenspektrum ist sehr weit. Wenn man die Spitzenpolitik direkt anspricht, muss man sagen, dass diese durchaus ein sehr spezielles Pflaster geworden ist. Sie ist sehr schnelllebig, Entscheidungen müssen in kürzester Zeit getroffen werden und es ist sehr viel Entscheidungskomplexität da. Ich glaube nicht, dass sich jemand, der bereits journalistisch tätig war oder einen kommunikationswissenschaftlichen Background hat, auch automatisch als Politiker eignet. Dennoch hat Politik unbedingt mit Kommunikation zu tun – viele meinen, dass die perfekte Politik die perfekte Kommunikation ist.